News aus dem Bezirksfeuerwehrkommando

50 Jahre “Katastrophe von Ortmann”

20211216 50 jahre katastrophe ortman 007Am 17. Dezember 2021 jährt sich die Brandkatastrophe von Ortmann, Bezirk Wiener Neustadt, zum 50. mal. Was als Kleinbrand begann, endete in einer Katastrophe historischen Ausmaßes und war für die Entwicklung des vorbeugenden Brandschutzes sowie der Einrichtung von Unterstützungsfonds von essenzieller Bedeutung.

In der Fabrik in Ortmann kam es aufgrund des leicht entzündlichen Werkstoffes Papier immer wieder zu gefährlichen Situationen und Bränden. Das Brandobjekt im Jahr 1971: eine neu erbaute Papierverarbeitungshalle der ehem. Fa. Bunzl und Biach AG in Ortmann bei Pernitz im Bezirk Wiener Neustadt.

Gegen 13:50 Uhr dieses Freitages, 17. Dezember 1971 brach in dieser neu erbauten Halle der Papierverarbeitung neben der Papiermaschine 9 durch Schweißarbeiten ein Brand aus. Sofort wurde der Portier der Firma verständigt, welche sofort die Betriebsfeuerwehr alarmierte. Umgehend versuchten die anwesenden Arbeiter in der Halle den Kleinbrand zu löschen, bedingt durch Papierstaub und Reste der Papierverarbeitung entwickelte sich dieser Brand rasant, die Arbeiter mussten die Halle fluchtartig verlassen und die Löschversuche aufgeben. Innerhalb einiger Minuten erfasste der Brand die gesamte Lagerhalle.

Die Betriebsfeuerwehr versuchte mit 2 Löschleitungen den Brand einzudämmen während über Telefon die Nachbarfeuerwehren verständigt wurden. Nach kurzer Zeit wurde schließlich Abschnittsalarm ausgelöst und weitere Kräfte aus dem Bezirk Wiener Neustadt angefordert. Nach kurzer Lageerkundung war rasch klar – die in Vollbrand stehende Papierverarbeitungshalle musste aufgegeben werden, der Schutz konzentrierte sich auf die umliegenden Hallen sowie das große Altpapierlager in direkter Nähe zum Brandobjekt. Bei der Lagebesprechung, bei der neben den Einsatzleitern und Firmeninhabern auch Bezirksfeuerwehrkommandant Dr. Diemmer sowie Bezirkshauptmann Dr. Gasteiner anwesend waren wurde klar, dass der Fokus auf die Verhinderung der Brandausbreitung auf weitere Fabriksobjekte lag.

Gegen 20:00 stürzten schließlich Teile der Stahlbetondecke der in Brand stehenden Halle ein und begruben drei Mitglieder der Feuerwehr Felixdorf, Franz Kohlhauser, Bruno Makuszovich und Kurt Erlacher unter sich. Kamerad Erlacher konnte schwerstverletzt gerettet und ins Krankenhaus verbracht werden – er erlag jedoch nach kurzer Zeit seinen Verletzungen. Gegen 21 Uhr wurde dem Einsatzleiter auch das Vermissen zweier Kameraden der Feuerwehr Markt Piesting, Rudolf Lechner und Ing. Helmut Simon gemeldet. Mit der Suche der Opfer wurde begonnen, ein Spezialbagger aus Wiener Neustadt wurde angefordert und gegen 2 Uhr konnten die Leichen der gesamt vier vermissten geborgen werden. Der Brand konnte erst nach Tagen gänzlich gelöscht werden. Warum die Feuerwehrkameraden trotz gegenteiligen Befehles die Halle betraten, konnte nicht eruiert werden.

Nach diesem Ereignis rollte eine Welle der Hilfsbereitschaft quer durch Österreich, die “Fonds für die Waisen von Ortmann” wurden eingerichtet. Landesfeuerwehrverbände, Feuerwehren, Firmen und Privatpersonen spendeten innerhalb kürzester Zeit über 2 Mio. Schilling für die hinterbliebenen Familien, Beileidsbekundungen kamen sogar aus Luxemburg. Um 1990 wurden die Fonds langsam aufgelöst, die Erträge konnten den Familien und Hinterbliebenen in dieser schweren Zeit unterstützen.

Welche Auswirkungen hatte die Brandkatastrophe? Beim Landesfeuerwehrtag 1972 am 9. Juli in Wilhelmsburg verabschiedete der Landesfeuerwehrrat einstimmig eine Resolution an den Nationalrat, die Bestimmungen des ASVG zu novellieren und sicherzustellen, dass in Hinkunft die Versorgung der Hinterbliebenen verunglückter Feuerwehrmänner in vollem Ausmaß gewährleistet ist. Im Niederösterreichischen Landtag wurde die Brandkatastrophe ebenso behandelt, der NÖ Landtag beschloss am 20. Dezember 1972 einstimmig das “NÖ Einsatzopfergesetz”, welches bis heute in rechtskräftig ist. Zweck dieses Fonds ist u.a. die Unterstützung von Feuerwehrleuten, die bei Erfüllung der ihnen obliegenden Pflichten verunglückt sind sowie dessen versorgungsberechtigen Hinterbliebenen.

Auch war das Ereignis Thema der Sitzung des Landesfeuerwehrrates am 23. Februar 1972, bei dem das Ersuchen an die Landesregierung erging, bei Begehungen von Baulichkeiten u.a. in der Holz- und Papierindustrie Brandsachverständige des Landesfeuerwehrverbandes beizuziehen.

Der Einsatz hinterlässt auch nach 50 Jahren noch Spuren. In Feuerwehrkreisen, vor allem im südlichen Niederösterreich, wird auch heute noch oft über diesen Einsatz gesprochen, es ist historisch betrachtet ebenso wichtig, das Bewusstsein auch für solch dunkle Stunden des Feuerwehrwesen zu wecken, sei es Ortmann, der “Sleepy”-Brand oder die GasexpIosion in St. Pölten. Im Laufe der Jahre wurden Ausbildungen, Bauvorschriften, Technik und Kommunikation stetig angepasst, so ist zu hoffen, dass sich ein solches Ereignis wie in Ortmann nicht mehr wiederholt.

Quellen: stenografische Protokolle des Nationalrates 1972, Protokolle des NÖ Landtages 1972, Brand-Aus Ausgaben 1-1972 bis 12-1990.

Bericht: BSB Lukas Brodtrager, (FF Pernitz)  Bezirks- und Abschnittssachbearbeiter für Feuerwehrgeschichte und Mitglied des Arbeitsausschusses für Feuerwehrgeschichte im NÖ

Fotos: Archiv, aus dem Ehrenbuch des NÖ Landesfeuerwehrverbandes

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